Digitalisierung & Industrie: Eine Reise von tausend Meilen

Digitalisierung & Industrie: Eine Reise von tausend Meilen

Jeremias Burch

BIM Manager Holzbau | 07.04.2020

Wie schon Laotse sagte: Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. So plante ich meine Reise mit BIM.

Anmerkung der Reaktion: Dieser Artikel basiert auf der Rede von Jeremias Burch bei den Renggli Talks „Digitalisierung & Kunst“ am 10. März 2020. Sophie Xiying Liu hat die Rede zusammengefasst.

Die Art und Weise, wie die Menschen in der Bauindustrie arbeiten, hat sich dramatisch verändert - vor allem durch die technologische Entwicklung. Ich habe erlebt, wie Building Information Modeling (BIM) diese interessante Rolle in der Holzbauindustrie gespielt hat, und ich möchte meine Erfahrungen anhand von drei Fragen teilen.

1. Was ist BIM?

«BIM ist eine Methode der interdisziplinären Zusammenarbeit auf der Grundlage eines n-dimensionalen, virtuellen Abbilds des Bauwerks, mit dem Zweck der Leistungsvorhersage, um in Planung, Bau und Betrieb relevante ökonomische und ökologische Auswirkungen (Qualität, Kosten, Zeit, Umwelt) simulieren, bewerten und optimieren zu können.»
Quelle: Drees & Sommer, Glossar BIM Praxisleitfaden, 2016

Selbst bei einer so gut strukturierten Definition fällt es den Menschen immer noch schwer, die genaue Bedeutung von BIM zu verstehen und die Herausforderungen wie die digitale Planung und die Digitalisierung der Bauindustrie zu bewältigen.

2. Wieso fällt uns dieses Thema schwer?

Wir haben erstens Schwierigkeiten, dieses Thema zu verstehen, weil die Vernetzung ein komplexes Thema ist. Verschiedene Teams verbinden sich auf der BIM-Plattform, und die Informationsflüsse verlaufen zwischen ihnen. Daher hat BIM mit verschiedenen Akteuren, einer grossen Menge an Informationen und der Veränderung dieser Informationen in Echtzeit zu tun.

BIM ist wie ein Spinnennetz - an verschiedenen Stellen des miteinander verbundenen Netzes sitzen verschiedene Teams mit unterschiedlichen Funktionen. Sie ändern nicht nur ihre Daten, sondern fordern auch Daten von anderen Teams an, so dass die Informationsflüsse ständig durch die Fäden dieses Netzes fliessen. Der gesamte Informationssatz kann durch jede Änderung auf dieser Plattform beeinflusst werden, so wie eine sanfte Berührung des Spinnennetzes an einem Punkt das gesamte Netz bewegen kann. Die Systemkomplexität von BIM ist schwer zu bewältigen.

Ein Spinnennetz im Abendlicht
Foto: Bence Balla-Schottner, Unsplash

Zweitens verwechseln wir oft "Digitalisierung" mit "digitaler Transformation". Nehmen wir die Musikindustrie als Beispiel: Der Wechsel von der Aufnahme von Musik auf Schallplatten zu CDs ist ein Prozess der Digitalisierung, aber der Wechsel von CDs zu Online-Streaming wie Spotify und iTunes ist der Prozess der digitalen Transformation. Ähnlich ist in der Bauindustrie die Digitalisierung der Wechsel vom Zeichnen per Hand zur Plänen von digitalisierter 2D-Modelle im Computer. Mit BIM erleben wir jetzt den Prozess der digitalen Transformation.

Die digitale Transformation von CDs zu Online-Streaming hat die Wertschöpfungskette der Musikindustrie vollständig verändert: Von einem mehrstufigen linearen Prozess zu einer rationalisierten und technologiebasierten Lösung, die Musiker und Kunden direkt miteinander verbindet. Durch das Eliminieren der Zwischenstufen hat die digitale Transformation den Weg von den Produzenten zu den Konsumenten verkürzt und die industrielle Wertschöpfungskette neu gestaltet. Die digitale Transformation ist nicht nur eine Digitalisierung des gleichen Prozesses, sondern es verändert die Prozesse.

Discs, CDs, and online-streaming-Apps in der ersten Reihe; Planung auf der Papier, 2-D-Planung und 3-D-Modell auf dem Bildschirm
Digitalisierung vs. digitale Transformation
Fotos von oben links nach unten rechts: Luana de Marco, Phil Hearing, Sara Kurfess, Daniel Mc Cullough, alle Unsplash; Renggli AG

Die BIM-basierte digitale Transformation in der Bauindustrie steht jedoch vor grösseren Herausforderungen, die durch die Konflikte zwischen der konventionellen Organisationsstruktur und der neuen Kooperationsplattform auf BIM-Basis verursacht werden. Ein typisches Bauprojekt wird unter einer linearen und mehrhierarchischen Struktur verwaltet. Wenn wir jedoch an dem Projekt mit BIM arbeiten, arbeiten alle Teams auf derselben Plattform in einer flachen Struktur zusammen. Die Teams können so gemeinsam projekt- und kundenorientierte Lösungen finden. Die kritische Frage ist: Wie müssen wir die Organisationsstruktur des Projekts gestalten, damit sie zur neuen digitalisierten Arbeitsweise passt?

3. Was haben wir in den letzten Jahren gelernt?

Trotz langer Arbeit im Bereich BIM und der digitalen Transformation der Holzbauindustrie muss ich zugeben: Ich weiss viel noch nicht! Angesichts der sich schnell entwickelnden Technologien und der sich wandelnden Gesellschaft ist es unmöglich, sich ein vollständiges und korrektes Bild davon zu machen, wie sich die Digitalisierung auf die Industrie auswirken kann.

Heutzutage haben wir alle Technologien, die fortschrittlich und innovativ zu sein scheinen. Wir neigen dazu, von den Technologien auszugehen. Das ist ein häufiger Fehler. Denn wenn man einen Hammer hat, sieht alles wie ein Nagel aus. Wie Steve Jobs sagte: „Man muss mit der Kundenerfahrung beginnen und rückwärts zur Technologie arbeiten.“ 

Nicht zuletzt beginnt eine Reise von tausend Meilen mit dem ersten Schritt (Laotse). Unter Anerkennung der Komplexität der digitalen Transformation und der Hindernisse auf dem Weg dorthin, müssen wir mit der Veränderung beginnen. Manchmal auch nur mit den kleinen und Aufgaben.

Foto im Header: Syed Hussaini, Unsplash

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